Philosophie der Revolution

Existenzialismus, Strukturalismus, „Kritische“ Theorie – Scheinkritizismus, pseudorevolutionäres Denken und Materialismusfeindlichkeit

Antimaterialismus heute

Von Otto Finger

Ein übergreifendes philosophisches Merkmal der spätbürgerlichen Angriffe gegen den Materialismus-Leninismus und der Konzeption des modernen Revisionismus ist die Bekämpfung des Materialismus. Dass der Revisionismus seinem Wesen nach eine Erscheinungsform bürgerlicher Ideologie innerhalb der Arbeiterbewegung ist, drückt sich in allgemeinster weltanschaulicher Hinsicht in diesem Punkt aus. Bürgerliches Bewusstsein fiel nach seinem materialistischen und religionskritischen Höhenflug in den Phasen des gesellschaftlichen Aufstiegs der Bourgeoisie und der Vorbereitung der bürgerlichen Revolution – in jener Linie, die von Francis Bacon ihren Ausgang nahm und in Ludwig Feuerbach zum Abschluss kam – auf den Idealismus zurück. Idealismus wir in der bürgerlichen Gesellschaft, seit in ihr der Klassenkampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie „mehr und mehr ausgesprochene und drohende Formen“ [1] annahm, nicht allein spontan, als philosophisch verkehrtes Bewusstsein von den Entfremdungsverhältnissen der kapitalistischen Warenproduktion [2], sondern auch und immer deutlicher als Reaktion gegen Theorie und Praxis der Arbeiterbewegung erzeugt. Die revolutionäre Praxis aber ist von ihrer revolutionären Theorie nicht trennbar. Und diese Theorie fußt in jedem ihrer Bestandteile – in der politischen Ökonomie, in der materialistisch-dialektischen Philosophie und im wissenschaftlichen Kommunismus – auf dem Materialismus, auf der in der materialistischen Umstülpung zur ebenso wissenschaftlich wie revolutionierenden Denkmethode emporgehobenen Dialektik.

Drei der einander wechselseitig bedingenden objektiven Grundlagen und sozialen Funktionen des bürgerlichen Idealismus, seit er sich als Philosophie der zur politischen Herrschaft gekommenen Bourgeoisie formierte, sind festzuhalten: 1. Er ist ein durch die kapitalistischen Produktionsverhältnisse bedingtes falsches Gesellschaftsbewusstsein. 2. Er ist Rechtfertigungsideologie bürgerlicher Klassenherrschaft. Und er ist 3. ideologisches Instrument des Kampfes der Bourgeoisie gegen die revolutionäre Arbeiterbewegung und, seit dem Jahre 1917, gegen den realen Sozialismus.

Der philosophische Materialismus als grundlegendes Moment der Weltanschauung der Arbeiterklasse entwickelte sich darum stets auch und wesentlich in der Auseinandersetzung mit diesen Grundlagen und Funktionen des nachrevolutionären bürgerlichen Idealismus. Der proletarische Materialismus musste also das philosophisch entfremdete und verkehrte Bewusstsein von den Bewegungsgesetzen der bürgerlichen Gesellschaft durchbrechen, er musste die weltanschauliche Gegenposition gegen die idealistische Apologie der Klassenherrschaft der Bourgeoisie entwickeln und die historische Notwendigkeit und Rechtmäßigkeit des revolutionären Klassenkampfes der Arbeiterklasse begründen.

Letzteres, die Begründung der welthistorischen Mission der Arbeiterklasse, erweist sich dabei als jene weltanschauliche Grundlinie, mit der beim jungen Marx der neue Materialismus als proletarische und wissenschaftlich dialektische Philosophie einsetzt, auf die alle marxistisch-leninistischen Kritiken des Idealismus bezogen sind und in der sich alle theoretischen Leistungen der Klassiker, auf welchem Gebiet auch immer, zusammenfassen. Die frühe Entdeckung der Rolle der materiellen Arbeit im Geschichtsprozess gehört hierzu ebenso wie die Entdeckung der Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats, die Entwicklung der Lehre von der proletarischen Partei bis auf ihre klassische leninistische Höhe, die Vertiefung der Marxschen Kapitalismuskritik zur Imperialismusanalyse durch Lenin oder auch Lenins Begründung für die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in zunächst einem Lande. Und der Ausbau aller Erkenntnisse über die Gesetze der gesellschaftlichen Bewegung, der Naturdialektik und des menschlichen Erkennens zum geschlossenen System des dialektischen und historischen Materialismus ist durchaus diesem Ziel zugeordnet, die Rolle der Arbeiterklasse als des revolutionären Schöpfers der sozialistischen Gesellschaftsformation philosophisch umfassend zu begründen.

Die Reaktion der bürgerlichen Ideologie und ihres Handlangers in der Arbeiterbewegung, des Revisionismus, auf den Materialismus – der ebenso die innere Geschlossenheit der Philosophie der Arbeiterklasse garantiert wie ihre revolutionäre gesellschaftliche Funktion entscheidend prägt –, die materialismusfeindlichen Attacken bürgerlicher und revisionistischer Ideologie haben im genannten politischen Angelpunkt ihr entscheidendes Angriffsziel. Es handelt sich um ein stets nachweisbares, klassenbedingtes politisch-ideologisches Motiv, wenn der Materialismus infragegestellt wird, als „überholt“, mit Dialektik unvereinbar, als „dogmatisch“, als „naives“, „vereinfachendes“ Bewusstsein, usf. verunglimpft wird. Wir greifen aus der großen Fülle diesbezüglicher Standpunkte innerhalb der spätbürgerlichenPhilosophie einige charakteristische Argumente dreier Richtungen heraus: des Sartreschen Existenzialismus, der sog. „kritischen Theorie“ und des Strukturalismus. Die Beschränkung auf diese Strömungen geschieht mit dem Blick darauf, dass sie in Anspruch nehmen, marxistisch-kritisches Denken „modernisiert“ zu haben – was groteskerweise mit bevorzugtem Rückgriff auf die von Marx überwundene idealistische Dialektik Hegels geschehen soll –, und weil sie eine besonders aktive Rolle bei der Verwirklichung einer Haupttendenz imperialistischer Philosophie spielen, nämlich die Marxsche Theorie zu verbürgerlichen. Damit sind sie zugleich hervorstechende Momente innerhalb des vielfältigen ideologischen Prozesses der Vermittlung zwischen zeitgenössischem bürgerlichen Idealismus und modernem Revisionismus.«

Anmerkungen

1 Mit diesem Hinweis erklärt Marx die Verwandlung der bürgerlichen wissenschaftlichen Ökonomie in ein Instrument der bewussten Apologie der bürgerlichen Klassenherrschaft. (Vgl. Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, in: Karl Marx und Friedrich Engels, Werke, Bd. 23, Berlin 1962, S. 21.) Er gilt auch für den nach dem politischen Machtantritt der Bourgeoisie einsetzenden Verrat an den progressiven philosophischen Ideen ihrer revolutionären Emanzipationsbewegung vom Feudalismus.«

2 Über dieses in der kapitalistischen Warenproduktion spontan erzeugte falsche, idealistische Bewusstsein, welches den objektiven Schein für das Wesen dieser Produktionsweise nimmt, sagt Marx im berühmten 4. Abschnitt des 1. Kapitels vom Band 1 des „Kapitals“: „Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, dass sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eigenen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen … Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt. Um daher eine Analogie zu finden, müssen wir in die Nebelregion der religiösen Welt flüchten. Hier scheinen die Produkte des menschlichen Kopfes mit eigenem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten. So in der Warenwelt die Produkte der menschlichen Hand. Dies nenne ich den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt … Ihre eigne gesellschaftliche Bewegung (die Bewegung der Austauschenden in der kapitalistischen Warenwelt; O. F.) besitzt für sie die Form einer Bewegung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren …“ (Vgl. Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 86 f, 89) Idealismus als Bewusstsein der Entfremdung der Akteure von ihrer Aktion, als Anschauung von der Übermacht der verselbständigten gesellschaftlichen Beziehungen gegenüber denjenigen, deren Beziehungen sie sind, als Vorstellung von der Beherrschung der Menschen durch fremde Mächte – dieser Idealismus, diese mit jeder Ausbeutergesellschaft verbundene idealistische Ideologie wird im Kapitalismus auf letzter und höchster Stufenleiter reproduziert.«

Quelle: Philosophie der Revolution. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1975. Studie zur Herausbildung der marxistisch-leninistischen Theorie der Revolution als materialistisch-dialektischer Entwicklungstheorie und zur Kritik r gegenrevolutionärer Ideologien der Gegenwart. Autor: Otto Finger. Vgl.: 2.1. Antimaterialismus heute, in: 2. Kapitel: Existenzialismus, Strukturalismus, „Kritische“ Theorie – Scheinkritizismus, pseudorevolutionäres Denken und Materialismusfeindlichkeit.

11.06.2012, Reinhold Schramm (Bereitstellung)

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